Tagesgruppen

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ForE 1-2010

„Ein besonderer Vorzug liegt vielleicht noch darin, dass die Theorie der Tagesgruppen nicht grau, sondern ziemlich bunt ist; Tagesgruppen zeichnet neben aller pragmatischen Orientierung eine Vielzahl und eine Vielfalt von Konzepten wie Praktiken aus, die zumindest für dieses Feld der Jugendhilfe ein Höchstmaß an Differenzierung und Anpassung an sozialräumliche Bedingungen bedeuten könnte. Bei so viel Anerkennung wagt man kaum, Fragen zu stellen oder gar Zweifel anzumelden“ (Winkler 2003: 46, in:Krüger/Lachnit/Maier/ Stopp (Hg.): Hilfeform Tagegruppen. Eigenveröffentlichung der IGfH Frankfurt)

Diese Vielgestaltigkeit der Hilfe zur Erziehung in einer Tagesgruppe steht vielerorts angesichts des Ausbaus der offenen Ganztagsschule, der Kindertagesbetreuung, der kritischen Debatte um das Zusammenführen von Kindern und Jugendlichen in speziellen Gruppen statt der besonders geförderten Betreuung in Regeleinrichtungen in Frage. So wie Michael Winkler im oben zitierten Beitrag natürlich im Weiteren dann doch Fragen an die Hilfeform Tagesgruppen stellt, profilieren aber auch die MitarbeiterInnen und Träger neue Fragen und Antworten auf sich verändernde Lebenslagen, die die Tagesgruppe als Hilfeform für Kinder und Familien zwischen ambulanten/beratenden Hilfen einerseits und der Fremdunterbringung andererseits betreffen. Solche Anfragen betreffen die Geschlechter-verteilung in der Hilfeform und den Angeboten genauso wie die ethnische Selektivität oder die Erhaltung von wohnortnahen sozialen Bezügen. Sie berühren die Mitarbeit von Eltern in der Tagesgruppe ebenso wie die Mitwirkung der Kinder im Alltagszusammenhang der Tagesgruppen, also die demokratischen Elemente in einer Hilfeform, die Kinder begleiten und Eltern fördern soll, so dass kein starker Eingriff in den privaten Lebensraum der Familie notwendig wird.

Diese Debatten zeigen: Die Schärfung des sozialpädagogischen und konzeptionellen Profils der Tagesgruppenarbeit muss stärker bundesweit abgesichert werden, um sich selbstbewusst gegenüber Kämmerern, der Diskussion um geeignete Formen der Familienpflege (siehe § 32 SGB VIII, letzter Satz), der Auflösung von Tagesgruppen zugunsten einer kursbezogenen Betreuung in der offenen Ganztagsschule gemeinsam mit den Betroffenen zu stellen. Die Fachgruppe Tagesgruppe der IGfH versucht mit dem vorliegenden Heft anlässlich ihres dreißigjährigen Bestehens einige Schlaglichter auf die Entwicklungen und Debatten zu werfen.

Ulrike Bavendiek macht auf die Erfolgsgeschichte der Tagesgruppen aufmerksam. Zugleich warnt sie davor, durch die inhaltliche Anlehnung der Tagesgruppenarbeit an Modelle der stationären Gruppenunterbringung und die ausschließlich stark kindzentrierte Arbeitsausrichtung die vielfältigen Möglichkeiten der Tagesgruppenarbeit zu schmälern. Matthias Moch schließt dort an und geht der Frage nach, inwieweit sich spezifische Eigenschaften und Fähigkeiten benennen lassen, mithilfe derer es MitarbeiterInnen in Tagesgruppen gelingt, spezifischen Bedarfslagen der Kinder und Familien gerecht zu werden, aber auch den festgestellten Problemen gezielt entgegentreten zu können. Christiane Solf und Verena Wittke weisen daraufhin, dass sich den Eltern in der Tagesgruppe ein Interaktions- und Kommunikationsgeschehen bietet, welches sie aktiv beeinflussen können.Dabei schlagen sie nicht zwangsläufig jene Wege ein, die ihnen von pädagogischer Seite angeboten werden, sondern sie suchen sich durchaus eigene Wege. Mitgestaltung erfolgt konsequenterweise nur an den Punkten und auf die Weise, die Eltern für sich als relevant und Bedürfnisangemessen verstehen. Die bundesweit besetzte Fachgruppe „Tagesgruppen“ der IGfH schließt konsequenterweise ein kurzes Papier zu „Prüfsteinen einer gelungenen Partizipation an und in der Tagesgruppe“ an (für die Fachgruppe Hans-Anton Maier). Schließlich fragen Jutta Möllers, Reinhold Schone, Wolfgang Thoring wie und unter welchen Bedingungen eine Integration von Erziehungshilfen in der Offenen Ganztagsschule gelingen kann? Die AutorInnen sehen zumindest die Gefahr, dass das Ziel der Integration von Hilfen zur Erziehung in die Offene Ganztagsschule (OGS) am Beispiel der Tagesgruppen und Sozialen Gruppenarbeit dazu verführt, Erziehungshilfebedarfe weniger durch die betroffenen Eltern als vielmehr durch Fachkräfte der Offenen Ganztagsschule zu definieren.

Die Beiträge des Heftes zeigen: Die besondere Produktivität derTagesgruppe „macht unterschiedliche Lebenszusammenhänge nicht nur sichtbar, sondern belässt sie in Geltung“ (Winkler 2003: 58).

Josef Koch

 

Aus dem Inhalt

Paula Honkanen-Schoberth:
Betreuungsgeld – ein kostengünstiger Weg zur Reduktion von Betreuungsplätzen?

Ulrike Bavendiek:
Und sie bewegt (sich) doch - Tagesgruppe zwischen fachlichen Herausforderungen und organisatorisch-strukturellen Realitäten

Matthias Moch:
Kompetenzen von MitarbeiterInnen in Tagesgruppen

Christiane Solf, Verena Wittke:
Elternbeteiligung in der Tagesgruppe

Fachgruppe Tagesgruppe der IGfH :
Prüfsteine für eine gelungene Partizipation in und an der Tagesgruppe

Jutta Möllers, Reinhold Schone, Wolfgang Thoring:
Was bleibt vom sozialpädagogischen Auftrag der Tagesgruppen und der Sozialen Gruppenarbeit? – Die Integration von Erziehungshilfen in die offene Ganztagsschule

Conny Jager:
Liebe das Leben – ein Ansatz der anderen Art

Helga Heugel:
Wenn Pflegekinder in die Herkunftsfamilie zurückkehren sollen…

Evelin Klein:
Auslandsadoptionen: Aktueller Stand – Zentrale Problemfelder – Entwicklungsbedarf

Cillie Rentmeister:
Neue Webplattformen: Häusliche Gewalt und jugendgerechte Infos zum Thema sexueller Missbrauch

Knut Hinrichs, Florian Gerlach:
"Osnabrücker Modell“ der Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe verstößt gegen Grundrechte der Leistungserbringer und Strukturprinzipien des Jugendhilferechts