Parteilichkeit heute

Sie können diese Ausgabe im Online-Shop unseres Partners beziehen.

Zum Online-Shop
Cover-ForE_3-2020

Die Hilfen zur Erziehung (HzE), so wird gerne gesagt, sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Als öffentlich verfasste und regulierte sowie zunehmend `manageriell` organisierte Dienstleistungen sind sie − von ihrem Selbstverständnis − weniger regulierend als unterstützend für die Gestaltung subjektiver Lebensführungen von Gesellschaftsangehörigen in den Fällen zuständig, in denen diese als sozial problematisch bestimmt werden. Allerdings wird diese Ausdehnung "erkauft um den Preis einer entpolitisierten `Pädagogisierung`" (Th. Rauschenbach). `Neu gesteuert` und aufgeladen mit aktivierungspolitischen und -pädagogischen Intentionen wird zunehmend entlang von `Störungsbildern` und enger Kopplung solcher `Diagnose` durch darauf bezogene Spezialisierungen die Leistungsfähigkeit und Effektivität der Hilfen zu erhöhen gesucht. Das Soziale zu managen, dehnt sich aus im täglichen Handeln von Erzieher*innen jeglicher Couleur, deren Arbeitsfeld sich des Weiteren zunehmend entgrenzt und sich auf allgemeine Probleme des Aufwachsens − in öffentlicher Verantwortung − orientiert (vgl.14. Kinder- und Jugendbericht 2013). So eingelassen in eine Erfolgsgeschichte stellt sich kaum mehr das Thema, wie und dass die Hilfen zur Erziehung nach Klassenlage, Ethnie und Geschlecht unterschiedlich disziplinierend und unterstützend wirken. Mit der De-Thematisierung des Moments der diesen Prozessen implizierten Herrschaft, sozialen Disziplinierung und sozialen Kontrolle, deren Fortbestand z.T. in neuem Gewand in der Kinder- und Jugendhilfe aber zu konstatieren ist, löst sich − zumindest diskursiv und hegemonial − allerdings ebenso der `Gegendiskurs` einer parteilichen (und auf Emanzipation zielenden) Praxis auf. An die Stelle einer grundlegenden Parteilichkeit tritt auch innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe ein Beteiligungs-, Teilhabe-, Rechts-, Ausgleichs- sowie sexual- und biopolitisch fundierter Identitätsdiskurs inklusive partieller, flexibler (und eventuell) gruppenspezifischer Parteilichkeiten.

Vor diesem − hier nur sehr holzschnittartig skizzierten − Hintergrund stellt sich für uns die Frage nach Parteilichkeit in den Hilfen zur Erziehung neu. Was heißt und bedeutet `Parteilichkeit` heute? Diese Frage versuchen die Beiträge in dieser Ausgabe − selbstredend sehr unterschiedlich − auszuloten. Friedhelm Peters erinnert an die theoretische Verortung von Parteilichkeit im Wissenschaftsverständnis einer Marx`schen oder Kritischen Theorie und deren `kurze Geschichte` bis heute. Ohne Wiederaneignung eines kritischen gesellschaftstheoretischen Verständnisses, so pointiert, gibt es keine parteiliche Praxis, die auf mehr als Inklusion zielt. Dies wird im Text von Lydia Tomaschowski/Peter Schruth nicht grundsätzlich bestritten, wohl aber wird Einspruch dagegen erhoben, es gäbe keine parteiliche Praxis mehr. Die Autor*innen zeigen auch an Beispielen, dass es sehr wohl nach wie vor eine Reihe von Interventionen im Sinne der Klient*innen in den HzE gibt. In einem sehr grundsätzlichen Beitrag legt Katja Neuhoff  die Position einer menschenrechtsbasierten Sozialen Arbeit/Hilfe zur Erziehung dar, die darin kulminiert, dass die Universalität der Menschenrechte kontextuell und konkret Parteinahme für die Rechtswahrnehmung der jeweils Verletzlichsten bedeutet. Daran schließt ein weiterer Grundsatzartikel von Melanie Plößer zur feministischen Mädchenarbeit an, deren Fassung von Parteilichkeit vielen als vorbildhaft gilt oder galt - während Susanne Maurer mit dem Konzept `Grenzbearbeitung` die Infragestellung von Grenzen und Grenzziehungen − im Interesse von (mehr) Freiheit und Emanzipation sowie einer Ermöglichung von Handlungsspiel − oder von Bewegungsräumen als praktische und parteiliche Interventionsmöglichkeit entwirft. Helga Cremer-Schäfer ist schließlich skeptischer und radikaler zugleich: Die dauerhafte Neu-Produktion von stigmatisierenden Kategorisierungen gehört für sie z.B. zu Strukturmomenten von Disziplinierung und institutionalisierter Wohlfahrt – gleich ob staatlich oder privat. Hier setzt die (parteiliche) Arbeit der De-Konstruktion an, die darüber kenntlich machen kann, dass es jenseits sozialstaatlicher Inklusion eigensinniger Partizipation und Nicht-Teilnahme an Herrschaftsordnungen bedarf.

 

Friedhelm Peters

Schlagwörter
Seiten
64
Erscheinungsjahr
2020
Ausgabe
3
Sammelband
Nein
Ausgabe Jahr
2020