Integrierte und sozialräumliche Hilfen
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Schon lange vor den jetzigen Diskussionen um die Neuregelung der inklusiven Kinder- und Jugendhilfe hatte die Jugend- und Familienministerkonferenz ( JFMK 2014) hinsichtlich deren Weiterentwicklung festgehalten: „Die Weiterentwicklung der Hilfen zur Erziehung zielt darauf ab, möglichst frühzeitig Hilfe und Unterstützung anzubieten, eine bedarfsgerechte Infrastruktur zu sichern und die Zugänglichkeit und Wirksamkeit der Hilfen zu verbessern, aber zugleich auch die Potentiale von Regelangeboten und räumlichen Ansätzen stärker zu nutzen“ (zit. nach Böllert: Zur Reform des SGB VIII…, in: neue praxis 5/2016: 502).
Hier wird also geraten, die aktuellen Herausforderungen der Kinder- und Jugendhilfe als Chance zu begreifen, durch frühzeitig ansetzende und mit anderen (Regel-) Angeboten vernetzte Angebote im Sozialraum bedarfsgerechte umfassende – infrastrukturell abgesicherte – Unterstützungsleistungen zu ermöglichen.
Praktisch haben in einigen Kommunen ab den 2000er Jahren und auch aktuell Umbauprozesse in Richtung sozialräumlicher, flexibler integrierter Hilfen stattgefunden, die in den letzten Jahren weniger im öffentlichen Focus standen. In unterschiedlichen Organisationsformen werden unterschiedliche Leistungen – oft der Hilfen zur Erziehung – „aus einer Hand“ (gesteuert von gemeinsamen sozialräumlich verorteten Teams von öffentlichen und freien Trägern) zumeist sozialräumlich und niedrigschwellig angeboten. Im Verständnis von Integrierten Hilfen wird dabei ein Zusammenhang von Infrastrukturqualität und daraus resultierender einrichtungsbezogener Qualität konstitutiert. Ziel ist und war es, die Debatten zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe vor Ort in einrichtungsübergreifenden und zunehmend in rechtskreisübergreifenden Debatten zu führen und dies durch entsprechende Gremien, Verfahren und Kontrakte zwischen den freien Trägern und öffentlichen wie freien Trägern abzusichern. In der aktuellen ForE Ausgabe werden die Potentiale sozialräumlicher, integrierter, flexibler Hilfen neu gesichtet, in ihren Grundzügen entfaltet und bezüglich ihrer Übertragbarkeit in andere Arbeitsfelder andiskutiert:
Friedhelm Peters stellt eingangs die unterschiedlichen konzeptionellen Akzentuierungen und vor allem die Gemeinsamkeiten in der Herleitung, Begründung und Entwicklung lebensweltorientierter flexibler, integrierter, sozialräumlich organisierter Hilfen anhand von drei - fast zeitgleich entwickelten - und im Bereich der HzE relevanten Konzepten vor. Matthias Hamberger und Josef Koch begeben sich über 20 Jahren nach Abschluss des Bundesmodellprojekts INTEGRA (1998-2003 mit fünf Kommunen) zur Entwicklung von integrierten und sozialräumlichen Hilfen im Landkreis Tübingen auf Spurensuche nach dem, was geblieben ist, aber auch aktuellen Ansatzpunkten und Weiterentwicklungen solcher Ansätze. Nicole Rosenbauer geht in ihrem Beitrag dem Nutzen von flexiblen, integrierten und sozialräumlich angelegten Hilfen für Eltern als Hilfeadressat*innen nach und greift den Anspruch auf, den expertokratischen institutionellen Problemdiagnosen die subjektiven Hilfepläne entgegenzustellen. Die von Rosenbauer ausgewerteten Interviews entstanden im Kontext der Arbeit der Jugendhilfestation Erfurt Südost, deren Einzelfall- und sozialräumliche Arbeit aus Sicht der Fachkräfte der nachfolgende Beitrag von Bettina Kehrberg, Monique Menge, Elisabeth Zelle, Stefan Lenz ausführlicher nachgeht.
Die organisatorische Seite und die inhaltlichen Vorbedingungen einer anderen Leistungserbringung in Form von Jugendhilfestationen und sozialräumlicher Ausrichtung von Hilfen in gemeinsamen Teams von öffentlichen und freien Trägern zur Gewährleistung von integrierten und sozialräumlichen Hilfen stellen schließlich Nicole Brabandt, Wilhelmine Hansen, Susann Schauer-Vetters, Stephan Höfer (Rosenheim) und Thomas Röttger (Celle) in einem Interview dar.
Andreas Oehme beschließt den Heftschwerpunkt mit Gedanken zu Anschlüssen der Konzepte von integrierten, sozialräumlichen Hilfen an aktuelle Debatten. Er diskutiert weiterführende Anknüpfungspunkte - aktuell für das Feld der Beschäftigungshilfen und für die Debatte um Inklusion.
Josef Koch, Friedhelm Peters
Aus dem Inhalt
Drei Konzepte. Was verbindet oder unterscheidet das Fachkonzept
Sozialraumorientierung, das Stuttgarter Modell und INTEGRA?
Friedhelm Peters
Mit dem Fahrrad durch Tübingen ─ auf den Spuren integrierter Hilfen
Matthias Hamberger, Josef Koch
Integrierte, flexible Hilfen im Sozialraum: Empirische Einblicke zum Nutzen aus Adressat*innenperspektive und konzeptionelle Implikationen
Nicole Rosenbauer
Die Qualifizierung von Fall- und Sozialraumarbeit durch fallunspezifische Arbeit
am Beispiel der Jugendhilfestation Erfurt Südost
Bettina Kehrberg, Monique Menge, Elisabeth Zelle, Stefan Lenz
Was macht Sozialraumorientierung und flexible Hilfen erfolgreich?
Nicole Brabandt, Wilhelmine Hansen, Susann Schauer-Vetters, Stephan Höfer, Thomas Röttger
Integrierte Hilfen sind die Antwort – was war die Frage?
Andreas Oehme
Keine Herabsenkung der Strafmündigkeit! Vorrang der Kinder- und Jugendhilfe vor dem Strafrechtssystem
Positionierung der Delegiertenversammlung der
IGfH
Kinderschutz weltweit stärken - Internationale Konferenz zu Familien- und Kinderschutzin Bangalore
Judith Haase, Nicole Kokott, Lina Damerow, Felizia Oelgeklaus
Kinderschutz inklusiv denken: Befunde, Risiken und notwendige Reformen
Dirk Bange
Diskriminierungsfreie Jugendhilfe auch für junge Geflüchtete? Reflexion und Parteilichkeit in Zeiten rassistischer Ausgrenzung
Helen Sundermeyer, Johanna Karpenstein
Chance verpasst – Kinderrechte in der Umsetzung der GEAS-Reform
Constantin Hruschka, Robert Nestler