Reformgeschichte(n) – 50 Jahre IGfH

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ForE 1-2012

Vor fünfzig Jahren wurde von LehrerInnen, ErzieherInnen und weiteren an einem internationalen Fachaustausch auf dem Gebiet der Heimerziehung interessierten Persönlichkeiten die westdeutsche Sektion der F.I.C.E. gegründet. Die „Fédération Internationale des Communautés d‘Enfants“selbst war eine 1948 auf Betreiben der UNESCO gebildete Plattform des europäischen Fachaustausches zwischen PädagogInnen aus Kinderdörfern und Heimen mit dem Ziel, die außerfamiliäre Versorgung kriegsgeschädigter und verwaister Kinder im Nachkriegseuropa zu qualifizieren. Diese deutsche Sektion, heute bekannt als Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen ( IGfH ), ist eng verbunden mit den Reformbemühungen und -initiativen der Erziehungshilfen und angrenzender Felder in Deutschland. Anlässlich der Jahrestagung der IGfH im Herbst 2011 fragten Fachleute aus unterschiedlichen Praxis- und Forschungsbereichen, Studierende sowie Kinder und Jugendliche nach den geschichtlichen und aktuellen Leitlinien der Weiterentwicklung und kritischen Reform der Unterstützungsleistungen für junge Menschen und ihre Familien. Neben Fachvorträgen, Foren und Arbeitsgruppen wurden durch Studierende in Ausstellungsräumen historische Entwicklungsetappen der Hilfen zur Erziehung mit Filmmaterial, Fotos und Dokumenten zum Thema aufgezeigt, ein professioneller Film unternahm einen Exkurs in die Heimerziehungsgeschichte anhand von Filmmaterial aus den vergangenen 50 Jahren und KongressteilnehmerInnen, Kinder, Jugendliche, Familien und PädagogInnen aus Frankfurt am Main gestalteten eine öffentliche Aktion unter dem Motto: „Kinder haben Rechte – Beteiligung und Schutz gehören zusammen!“

Freigelegt wurden dabei Reformgeschichte(n), die in diesem Heft dokumentiert werden und das Erreichte und Unerreichte in der Sozialpädagogik und den erzieherischen Hilfen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Hans Thiersch fragt im längeren Einleitungsbeitrag, der auf seinen Vortrag bei der Jahrestagung basiert: Wo stehen wir heute? Zur Standortbestimmung beschäftigt er sich mit den neuen Ungewissheiten ebenso wie mit den erreichten Modellen guter Sozialpädagogik. Er spricht von „harten strapaziösen Aufgaben, die ein offensives Insistieren verlangen“. Martina Kriener fragt Luise Hartwig nach dem, was denn bei der geschlechtergerechten Ausgestaltung der Kinder-und Jugendhilfe erreicht worden ist. Angesprochen werden dabei auch offene, zukünftige Fragen wie zum Beispiel nach den geschlechterspezifischen Arbeitsbedingungen von sozialen Fachkräften. Jürgen Blandow macht in seinem Beitrag auf Weichenstellungen und Reformbarrieren auf dem Weg von der Anstaltserziehung zu den integrierten Erziehungshilfen aufmerksam. Er fragt – trotz oder gerade wegen der immer zahlreicheren „Neuerungen“ – durchaus skeptisch an, ob das Gesamtarrangement „Erzieherische Hilfen“ in seiner gegenwärtigen Gestalt den gesellschaftlichen Herausforderungen noch gerecht werden kann. Christel Barchend, Katharina Leonie Haus und Merle Schmidt von der Ostfalia Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel haben begleitend zur IGfH -Jahrestagung mit anderen Studierenden aus Frankfurt und Berlin eine Ausstellung zu 50 Jahre Erziehungshilfe konzipiert und dargeboten. In ihrem Beitrag schildern sie ihre Motive und Erfahrungen bei der Annäherung an das Ausstellungsprojekt und die Geschichte der Erziehungshilfen. Schließlich fragen zwei Vorstandsmitglieder, die mit  Aktiven der IGfH Ideen, Vorschläge, Meinungen zur zukünftigen Weiterentwicklung der Erziehungshilfen diskutierten, in ihrem knappen Beitrag nach gegenwärtigen Entwicklungslinien. Hans-Ullrich Krause und Friedhelm Peters denken über das Geleistete nach, mahnen aber auch nicht „nach jedem Stöckchen zuspringen, den die Politik hinhält“. Jenseits der tagesaktuellen Themen braucht es eine reflektierte eigene kritische Bestandsaufnahme und eine eigene Besetzung der Begrifflichkeiten. Es gilt, so die Autoren, dem Verlust des kollektiven Gedächtnisses unserer Profession entgegenzuwirken und junge KollegInnen vermehrt anzusprechen. Eine Fotoseite mit Impressionen von der IGfH -Jahrestagung rundet das Heft ab. Die Beiträge zeigen: Es bleibt herausfordernd und notwendig als Fachkraft und Fachverband offen, kompetent und streitbar zu bleiben.

Josef Koch

 

 

Aus dem Inhalt

Bernd Hemker:
Individualbeschwerderecht für Kinder und Jugendliche auch im SGB VIII verankern!

Hans Thiersch:
Erziehungshilfen im Spiegel der Geschichte – wo stehen wir heute?

Luise Hartwig, Martina Kriener:
Von der Mädchenarbeit zum Gender Mainstreaming

Jürgen Blandow:
Erziehungshilfe – früher und heute. Von der Anstaltserziehung zu den integrierten Hilfen

Christel Barchend, Katharina Leonie Haus, Merle Schmidt:
50 Jahre Reformgeschichte(n) – Über die Entstehung einer Ausstellung

Hans-Ullrich Krause, Friedhelm Peters:
Wofür steht die IGfH als Fachverband heute?

Ulrike Herr, Jens Wackrow:
Eine besondere Reise - in einem besonderen Land - Bericht über die Studienreise der IGfH durch Israel

Petra Hiller, Ruth Piedboeuf-Schaper:
Die Delegation der Rufbereitschaft des Jugendamtes Bochum an einen freien Träger

Norbert Struck:
Die Neuregelungen des Bundeskinderschutzgesetzes