Schlaue Mädchen – Dumme Jungen?

Gegen Verkürzungen im aktuellen Geschlechterdiskurs

Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums

"Die in den 1960er-Jahren ausgerufene „Bildungskatastrophe“ hat den Blick für die Benachteiligung von Mädchen und jungen Frauen im Bildungssystem sowie auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt geschärft; auch wurden damals Mädchen und junge Frauen als „Bildungsreserve“ entdeckt. Im Bildungsdiskurs, der seit etwa zehn Jahren als Folge des „PISA-Schocks“ geführt wird, findet verstärkt ein Blickwechsel auf die Bildungsbedingungen und Lebenslagen von Jungen statt, der ebenso an wirtschaftliche Überlegungen gekoppelt ist.

Die spezifische öffentliche Wahrnehmung der aktuellen gesellschaftlichen Situation von Jungen, kurz: die heraufziehende „Jungenkatastrophe“ lässt sich an Überschriften in Wochen- und Tageszeitungen oder in den Titeln von Fernsehsendungen der letzten Jahre ablesen:

  • "Arme Jungs! Das benachteiligte Geschlecht"
  • „Jungs. Werden sie die Sorgenkinder der Gesellschaft?“
  • „Schlaue Mädchen – Dumme Jungen“
  • „Immer Ärger mit den Jungs“

Dementsprechend werden Appelle formuliert wie: „Lasst sie Männer sein. Jungen stehen im Schatten leistungsfähiger Mädchen. Es wird Zeit, ihnen zu helfen“ oder: „Rettet das starke Geschlecht

Diese medial verdichtete neue gesellschaftliche Aufmerksamkeit für Ungleichheiten zwischen Mädchen und Jungen – seit geraumer Zeit überwiegend zulasten der Jungen – konzentriert sich insbesondere auf das Bildungssystem. Sie findet ihre Entsprechung in wissenschaftlichen Debatten, Fachgutachten und Berichten. Der Aktionsrat Bildung beispielsweise widmet sein Jahresgutachten 2009 speziell der Thematik „Geschlechterdifferenzen im Bildungssystem“ und stellt fest, dass neue Disparitäten zum Nachteil von Jungen entstanden seien. Im Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2008“ wird festgehalten, dass es neue Problemlagen bei Jungen gebe und das Risiko für Jungen und junge Männer zunehme, im Bildungssystem zu scheitern. Und auch das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung spricht von einer „Bildungskrise der jungen Männer“.

Darüber hinaus wird die Debatte, die unter dem Label „Bildungsbenachteiligungen von Jungen“ geführt wird und sich auch auf die diagnostizierte Zunahme jungenspezifischer Probleme erstreckt, im politischen Feld aufgegriffen; sie wurde auf bundespolitischer Ebene in zwei parlamentarischen Anfragen in den Jahren 2004 und 2008 debattiert. Auf Bitte der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Ursula von der Leyen, hat sich das Bundesjugendkuratorium (BJK) mit dieser Thematik und den damit verknüpften Diskussionspunkten beschäftigt. Die hierzu erarbeitete Stellungnahme orientiert sich an folgenden Leitfragen:

  • Welche Argumentationsfiguren bestimmen den medialen Diskurs über die Jungen als Verlierer im Bildungssystem? (Kap. 2)
  • Auf welche Ergebnisse empirischer Studien stützt sich die Debatte über die bildungsbezogenen Probleme von Jungen und welche Schlüsse lassen die Befunde zu? (Kap. 3)
  • Welche strukturellen Faktoren und Mechanismen und welche kulturellen Kontexte müssen bei der Reflexion über aktuelle und künftige Geschlechterrollen stärker als bislang berücksichtigt werden, um verkürzte oder einseitige Schlussfolgerungen für politisches und pädagogisches Handeln zu vermeiden? (Kap. 4)
  • Um welche Aspekte muss die politische Debatte zur Bildungsbenachteiligung von Jungen erweitert werden, um zu einer adäquateren Auseinandersetzung mit den damit verknüpften Fragen und zur Entwicklung weiterführender Lösungsstrategien zu kommen? (Kap. 5)
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