Materialien zur Heimerziehung - Ausgabe 03 -1993
Jugendhilfeeinheiten/ Jugendhilfestationen: Erzieherische Hilfen „aus einer Hand"
Neue Zauberworte machen In der Jugendhilfe-Fachwelt die Runde: sie lauten „Jugendhilfestation" bzw. „Jugendhilfeeinheit". Das Besondere an Zauberworten Ist, daß sie große Erwartungen wecken, gleichsam für vorweihnachtliche Stimmung sorgen, obwohl kaum jemand so genau weiß, was mit den Begriffen und den dahinterstehenden Konzepten gemeint ist. So auch hier. Einige Schlaglichter: Eine im Juni 1993 von der
IGfH
veranstaltete Fachtagung zum Thema Jugendhilfeeinheiten war ursprünglich für 20 Teilnehmerinnen geplant, wurde schließlich mit über 30 Personen durchgeführt - und fast noch einmal so vielen Interessentinnen mußte abgesagt werden. Die an vier Standorten in Mecklenburg-Vorpommern als Modellprojekt gerade angelaufenen Jugendhilfestationen sind in aller Munde. Und die kürzlich im Schwäbischen gegründete „Stiftung Präventive Jugendhilfe" hat es sich zum Ziel gesetzt, insbesondere den Auf- und Ausbau von Jugendhilfestationen zu fördern.
Das vorliegende Heft will einen Überblick über konzeptionelle Grundgedanken dieser integrierten Hilfeformen geben und von ersten Erfahrungen berichten. Gemeinsam ist den verschiedenen bislang bekannten Konzeptionen, daß sie
• flexibel erzieherische Hilfen - vornehmlich ambulante und teilstationäre - orientiert an den Bedürfnissen des einzelnen Kindes/Jugendlichen arrangieren möchten, und zwar jenseits des durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz u. U. suggerierten Kanons von Hilfemaßnahmen nach den Paragraphen 28 bis 35.
• Alle diese erzieherischen Hilfen sollen - Im Unterschied zu Jugendhilfezentren und Verbundeinrichtungen - von einem Team, „ aus einer Hand" angeboten werden, sodaß sich die Frage der Indikation nicht als eine Frage der Delegation des „ Falles" an jeweils speziell zuständige Institutionen oder Abteilungen stellt. Vielmehr ist das Credo des Integrierten Hilfeansatzes: Egal, welches Problem Du hast, bei unserem Team bis Du gut aufgehoben, wir können Dir helfen.
• Die Konzeptionen ähneln sich Im weiteren darin, daß ein neuer Finanzierungsmodus praktiziert bzw. gefordert wird. Die Abrechnung sozialer Dienstleistungen soll flex bilisiert werden und folgt als Fach- oder Dienstleistungsstunde einer Art pädagogischen Gebührenordnung.
Vorläufer der Hilfen „ aus einer Hand"sind u. a. in den USamerikanischen Community-treatment-Programmen und In den schwedischen Basiseinheiten (siehe hierzu den Beitrag von Lindemann) auszumachen. Und Max Busch kam 1978 in seinem Artikel „ Behandlungseinheiten" (im Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit 4(78) wahrscheinlich einfach 15 Jahre zu früh, als er forderte, daß das Instrument, mit dem Jugendhilfe umzugehen habe, „nicht mehr eine Addition von eskalierenden Erziehungsmaßnahmen sein kann, sondern eine Behandlungseinheit sein muß". Die ‚ kopernikanische Wende' bestand auch für Busch „In der Wende zum Adressaten und zu dessen Bedürfnislage". Kritische Anmerkungen können zur Zeit nur an die Konzepte gerichtet, wegen der geringen praktischen Erfahrungen jedoch weder bestätigt noch widerlegt werden. So wäre z. B. zu fragen, ob Jugendhilfestationen/Jugendhilfeeinheiten als (nur)strukturell-organisatorische Änderungen wirklich einen „ Quantensprung" bei der Qualität erzieherischer Hilfen zur Folge haben können. Oder: Erfreut die Flexibilisierung der Finanzierung nicht lediglich die Kostenträger, geht aber zu Lasten von Arbeitnehmerinnen und freien Trägern? Auch ist ungeklärt, ob die Abrechnung über die Fach-/Dienstleistungsstunde für den stationären Bereich sinvoll und praktikabel Ist. Auf die weitere praktische Erprobung dieses Interessanten Hilfean satzes darf man jedenfalls gespannt sein.
W. Trede