Materialien zur Heimerziehung - Ausgabe 02 -1992

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Sie gehen trotz Pädagogik auf den Strich ...
Jugendhilfe und Prostitution
 

Fortbildungen zum Thema bestätigen unsere Annahme, daß Prostitution im Alltag der Heimerziehung zwar gegenwärtig, aber ein tabuisiertes Pänomen ist. Viele Kinder und Jugendliche, die in Heimen leben, haben Prostitution in verschiedenen Formen erlebt: angrabschen lassen für ein Bier, mit ihm schlafen für einen Pennplatz, zur Taschengeldaufbesserung ins Auto gestiegen oder manifeste Prostitution, zunächst in zwei Welten gelebt und dann nur noch In der einen voller Gewalt. Fast alle haben frühe Gewalterfahrungen und wechselten lediglich die Orte und Personen. Es schützt sie keine professionelle Identität als Hure bei der schweren Arbeit, auch wenn sie sich auskennen und Fertigkeiten erlernt haben. Das schnell verdiente Geld ist ebenso schnell ausgegeben und die Verelendung schreitet fort. Sie sind „Kinder, die sich auf dem Strich verlaufen haben", auf der Suche nach sexueller Identität und dem „ Märchenprinzen". Frühe und alltägliche Formen von Prostitution, die wir normalerweise nicht so nennen, sind: „Wenn du lieb bist, bekommst Du ..."; sie lassen sich schlagen und bekommen Geschenke; sie verkaufen ihren Körper; das sind Erfahrungen vor und während des Heimaufenthaltes. Manchmal sind wir sicher, „da läuft doch was", „das ist doch schon Prostitution", „sie müßte es zugeben", „ ich kann es doch nicht verhindern", „das Heim ist doch kein Bordell", „ auch ich hab' Angst vor den Zuhältern", „vielleicht Ist es doch nur ihr neuer Freund", „wenn ich es dulde, stehe ich mit einem Bein im Knast". Die Angst und das Entsetzen und daraus resultierende Hilflosigkeit bei den Erzieherinnen Ist groß. Wegsehen bietet sich an. Die Kinder und Jugendlichen sind sensibel genug, ihre Erzieherinnen nicht zu überfordern und sie mit Berichten über ihr Leben zu verschonen. Mitbewohnerinnen in den Einrichtungen werden eher einbezogen und sind aber auch überfordert. Die Diskussion über Prostitution muß in Fachkreisen aufgenommen werden. Die Mitarbeiterinnen, die mit den Mädchen und Jungen arbeiten, brauchen Unterstützung, sich dem Thema zu stellen. Die Jugendhilfe muß die Realität wahrnehmen, daß Prostitution auch in und um ihre Einrichtungen stattfindet. Es müssen adäquate Hilfen entwickelt und angeboten werden. Das „Kindeswohl" erfordert die Begleitung ins Milieu, Einzelbetreuung, niedrigschwellige Beratungsangebote, einen Schutzraum und Hilfen zum Ausstieg, wenn sie angefragt werden. Daß sich Betreuende mit „einem Bein im Knast" fühlen, ist nicht ganz unberechtigt. Die Rechtslage ist kompliziert. Um mehr Sicherheit zu geben und Mut für die schwierige Arbeit zu machen, ist von Hannelore Häbel das im folgenden dokumentierte Gutachten „ Erziehungshilfen und Prostitution Minderjähriger" erstellt worden. Sie zeigt Wege auf, wie Pädagoginnen sich absichern können, wie die Arbeit mit jungen Prostituierten juristisch begründet wird. Die Fragestellung ist aus der Praxis entstanden und mit Praktikerinnen ausführlich diskutiert worden. Es ist zu hoffen, daß durch das Gutachten die Pädagogik eine Annäherung an die Lebenssituation der Mädchen und Jungen wagt und dann auch adäquate Hilfeformen entwickelt. Eine ausführliche Beschreibung der Problematik der Mädchen, die sich prostituieren, ist von Christiane Kluge in der   IGfH -Broschüre „Mädchenwelten — Mädchenpädagogik" zu finden. Burglinde Rätza In einem Inserat der „ZEIT" vom 19. 9. 1991 sucht die Diakonie Sozialpädagogen und Erzieher für den Gruppendienst In einem süddeutschen Kinder- und Jugenddorf. Besonderer Leckerbissen dabei: Der Arbeitgeber bietet nicht nur tarifliche
Bezahlung, 5-Tage-Woche und Fortbildung, sondern auch „ individuelle Dienstzeitplanung im Team". Was hier als Vorteil verkauft wird, wendet sich jedoch im praktischen Alltag nur zu häufig in einen Nachteil für die Kinder. Wenn die individuellen Wünsche der Mitarbeiterinnen Vorrang haben, der Dienstplan gleichsam um diese Wünsche herum organisiert werden muß, bleibt die Rücksicht auf die Bedürfnisse von Kindern nach Kontinuität und Verläßlichkeit auf der Strecke. Daß es auch anders geht, zeigt Karl-Heinz Lindemann in seinem Plädoyer für ein pädagogisch begründetes Schichtdienstsystem, das ab Seite 12 den zweiten Thementeil dieses Materialienheftes bildet.

Erscheinungsjahr
1992
Ausgabe
2
Sammelband
Nein