Wirkungsorientierung

aus: Kritisches Glossar Hilfen zur Erziehung. Düring, Diana et al. (Hrsg.) (2014)
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Pädagogisches Handeln wie Prozesse der Beratung, Unterstützung, Erziehung zeichnen sich u. a. dadurch aus, dass sie durch Intentionalität gekennzeichnet gelten und insofern „immer schon“ eine Orientierung auf eine „Wirkung“ oder ein „Bewirken“ enthalten. Dies gilt zunächst in einem sehr allgemeinen Sinn, „weil man durch pädagogisches Handeln … die Wirkung erzielen will, dass jemand die Fähigkeit zu einem Leben erwerben kann, das er selbst als für sich gut empfindet“. Es gilt zugleich nicht, „weil pädagogisches Handeln paradoxerweise eigentlich nicht wirkungsorientiert ist, zumindest wenn man unter Wirkungen Ergebnisse versteht, welche vorher festgesetzt worden sind. (…) Nicht nur, dass solche Ziele wenig mit den Menschen zu tun haben, welchen sie dann auferlegt werden sollen, vielmehr hat noch keiner jemals sagen können, mit welchen Mitteln sie zu verfolgen sind“ (Winkler 2006a: 282). Aber „(d)ie Praxen der Pädagogik generieren ein Neues und erzeugen als Erziehung Optionen und Differenzen … (…) Sie wirken auf Umstände“ (Winkler 2006b: 120, 123). Und insofern gilt in professionstheoretischer Perspektive auch „Wirksamkeit“ als primärer Referenzpunkt sozialpädagogischen Handelns gegenüber der wissenschaftlich-disziplinären Ausrichtung auf Erkenntnis oder Wahrheit (vgl. Polutta 2014: 60) und sind Versuche, Erfolge der Sozialen Arbeit zu beschreiben und festzuhalten, älter, als es die aktuelle Wirkungsdiskussion suggeriert. Mit „Wirksamkeit“ ist aber zunächst nur eine „Potentialität beschrieben, die für sozialpädagogisches Denken und Handeln konstitutiv ist, wenn auch nicht zwangsläufig in Form der Feststellung und Messung von Effekten und keineswegs als Idee einer technologischen Machbarkeit“ (Polutta ebd.: 61). Wirksamkeit „vom Ergebnis“ her als „Wirkung“ zu bestimmen, ist eher eine neue Form; sie ist nicht verständlich ohne die damit verbundene Steuerungsabsicht des sozialpädagogischen Handelns sowohl in fachlicher als auch finanzieller Hinsicht und ohne die damit einhergehende Kritik (bisherigen) professionellen Handelns.

In Deutschland wurde diese Diskussion im Wesentlichen von der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung (KGSt) unter dem Begriff der „Neuen Steuerung“/des „Neuen Steuerungsmodells“ (NSM) eingeführt und in der Folge hegemoniemächtig ausgebaut. Als Schnitt- bzw. Übertragungsstellen dieser primär auf Binnenmodernisierung der Verwaltung wie Haushaltskonsolidierung ausgerichteten Modernisierungsstrategie zur Sozialen Arbeit bzw. Jugendhilfe haben sich dabei vor allem die Elemente Kontraktmanagement und Qualität erwiesen. Im weiteren Kontext der Qualitäts(-entwicklungs-)diskussion mit der inzwischen üblichen Trias von Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität rücken die Ergebnisqualität und damit Fragen von Wirkungen oder Wirksamkeit(-en) sozialer Arbeit allgemein wie auch erzieherischer Hilfen insbesondere mehr und mehr in der Vordergrund des Interesses, nachdem über Jahre eher die Prozessqualität im Fokus vielfacher Qualifizierungsbemühungen und auch von Qualitätsentwicklungsvereinbarungen stand.

Mit der Novellierung des KJHG in den §§ 78a–78h mit ihren kontraktuellen Elementen von Qualitätsentwicklung und prospektiven Verträgen lag quasi der Baustein für die Durchsetzung einer weitergehenden Ökonomisierung und Wirkungsorientierung bereit, der nur ergriffen werden musste (kritisch dazu: Peters 2011). Unter der Überschrift „Den Fokus auf das Wesentliche“ schreibt in deutlicher Engführung des als Bezug geltenden KJHG-Paragraphen und unter Bezugnahme auf einen vermeintlich gesellschaftlichen Auftrag ein leitender Mitarbeiter des BMFSFJ : „Der Zweck der Hilfen zur Erziehung im Sinne des § 1 Abs. 1 und 3 SGB VIII … ist, Kinder und Jugendliche zu befähigen, sich in ihrer Lebensrealität besser zurechtzufinden und adäquat handeln zu können. Dieses Ziel auf der Grundlage der unter Mitwirkung des jungen Menschen und seiner Eltern erarbeiteten Hilfeplanung zu realisieren, ist die Kernaufgabe und der von Gesellschaft und Gesetzgeber erteilte Auftrag.“ (Struzyna 2007: 5) Diese Zwecke, „sich besser zurechtzufinden“ und „adäquat (in Bezug auf was eigentlich? – d. V.) handeln zu können“ zu erreichen, also der Frage nach den Ergebnissen ihres Auftrags, habe sich die Jugendhilfe in der stattgehabten Qualitätsdiskussion entzogen. „Im Mittelpunkt der Betrachtung … muss die intendierte Wirkung beim Hilfeempfänger stehen. Nur dieses Ergebnis rechtfertigt und begründet letztlich den notwendigen Aufwand.“ (ebd.: 6) Ganz offensichtlich geht es um die Effizienz und Effektivität der Jugendhilfe aus Sicht der Geldgeber, aber damit wird zugleich die alte Subjekt-Objekt- Struktur eines (theoretisch) überholten Erziehungsbegriffs neu in Szene gesetzt und pädagogisches Handeln neuerlich gekoppelt mit kausalen „Ursache-Wirkung-Vorstellungen“, das planmäßige Einwirken, „um … zu erreichen“ (s. o.). Gekoppelt mit Finanzierungsfragen – „Es ist nur konsequent, dass sich in einem System des Leistungsaustausches die Frage anschließt, wie … das erreichte Ergebnis (hier: die intendierte Wirkung) vergütet wird“ (ebd.: 8) – re-etabliert sich so ein machtgestütztes pädagogisches Dispositiv, in dem die Adressaten nur mehr – trotz formal erhöhter Beteiligungsrechte und der anhaltenden Partizipationsdiskussion – wieder Objekte erzieherischer Maßnahmen werden.

„Bürokratie“ und „Professionalismus“ stehen in der Kritik, der durch einen externen Nachweis von Ergebnissen seitens eines „Management by Measurement“ begegnet werden soll. Dazu werden „im Bereich der Leistungserbringung … neue, anders akzentuierte Konzepte wie Controlling, Qualitätsmanagement, Effizienzsteigerung, ökonomische Anreizmechanismen, Wettbewerb etc. diskutiert“ (Rüb 2003: 262). Vordergründig legitimiert sich die Debatte im Kontext erzieherischer Hilfen durch Hinweise auf anhaltende Kostensteigerungen, die „Finanznot der Kommunen“ und dem daraus abgeleitetem Interesse, nur das zu bezahlen, was „nötig“ ist und „wirkt“. Verloren geht dabei die Erkenntnis, dass diese Diskurse nicht per se eine Realität beschreiben, sondern stark präskriptiven Charakter tragen, die aber, zumal wenn sie machtgestützt daherkommen, Realität prägenden Charakter gewinnen (können), obgleich man sie auch (nur) als eine Art Interpretationsschema behandeln könnte, die zur gesellschaftlichen Markierung bestimmter Aktivitäten dienen. „Solche Konzepte existieren in und durch die gesellschaftlich sanktionierten Gelegenheiten ihres Gebrauchs (…). Bei einer ethnomethodologischen Beschreibung organisationstheoretischen bzw. organisationspraktischen Handelns lässt sich die Klage: ‚Psychosoziale Dienstleistungseinrichtungen erreichen ihre Ziele nicht!‘ als eine ‚interessierte Beschreibung‘ entsprechender Abläufe lesen.“ (Wolff 1983: 50) In diesem Sinne kann auch der Diskurs um Wirkungsorientierung bzw. wirkungsorientierten Steuerung als eine „interessierte Beschreibung“ und als Baustein eines neuen hegemonialen Regulationsmodells verstanden werden, mit dem u. a. eine verstärkte Kontrollorientierung sozialer Arbeit selbst wie ihrer Klientel durchzusetzen gesucht wird. Erinnerbar wird so, dass „der Bezug zwischen ‚sozialer Kommunalpolitik‘ und dem ‚Gebrauchswert‘, den die kommunale Sozialarbeit für ihre offiziellen Klienten hat, kein systematischer, sondern bestenfalls ein möglicher, vor allem aber ein letztendlich politischer ist“ (Wolff 1983: 168 – Hervorh. im Original). Deutlich wird dies nicht zuletzt daran, dass die derzeitige Diskussion in ihrer Konsequenz nicht verständlich wäre ohne den Paradigmawechsel in der Sozialpolitik („Modernisierung“ des Sozialstaates hin zu einem „aktivierenden“ bzw. „sozialinvestiven“ Sozialstaat) und deren Auswirkungen auf die Soziale Arbeit, denn die Frage nach der Optimierung von Wirkungen Sozialer Arbeit und die damit verbundenen Steuerungsabsichten sind eingebettet in die übergeordnete, nahezu gesamteuropäisch ausgerichtete sozialpolitische Rahmenprogrammatik (vgl. Polutta 2013: 254 f.; Peters 2008).

War bis ca. Mitte der 90er-Jahre die Neuausrichtung öffentlicher Aufgaben inklusive der HzE unter dem pragmatischen und anti-ideologisch anmutenden Credo „What counts is what works“ – „Was zählt, ist, was funktioniert“ eine fast ausschließlich im anglophonen Sprachraum zu findende Tendenz, so hat sich diese Debatte nun auch in Deutschland etabliert (vgl. Ziegler 2006; Peters 2008). „Die wirkungsorientierten sozialpolitischen Umsteuerungsmaßnahmen bilden jedoch … im deutschsprachigen Raum nur einen ‚halbierten Wirkungsdiskurs‘ (Otto et al. 2007) ab: Bei der Einführung neuer Steuerungsmodelle wurde die Rezeption … der Evidenzbasierten Praxis (EBP) erst mit Verzögerung in Deutschland begonnen …“ (Polutta 2013: 256) und ist höchst strittig.

„Gegenüber den wirkungsorientierten Steuerungsversuchen über Marktmechanismen und wettbewerbliche Anreize setzt EBP auf eine rationale, an wissenschaftlicher Wirkungsforschung ausgerichtete Steuerung von Leistungen, Hilfen und Interventionen.“ (Polutta – ebd.) Eine unverzichtbare Grundlage ist dabei das Wissen darüber, welche Interventionen „effektiv“ und „effizient“ bzw. am effektivsten und effizientesten wirken. „Daher geht es in der Debatte um Wirkungsorientierung keineswegs ‚nur‘ um Fragen der Organisation personenbezogener Dienstleistungen, sondern vor allem auch um Fragen der Wissensproduktion und ihrer praktischen Anwendbarkeit in der Leistungserbringung. Wie beispielsweise Fabian Kessl (2006) argumentiert, wird in den Feldern Sozialer Arbeit ‚die neue Glaubenslehre mit Bezug auf eine bestimmte wissenschaftliche, nämlich eine positivistische Weltdeutung verkündet‘. Wirkungsanalysen werden zu einer nahezu existentiellen Notwendigkeit erhoben: notwendig um im Feld Sozialer Arbeit zu überleben ebenso wie für das Überleben der Sozialen Arbeit selbst. Vor diesem Hintergrund läuft ‚Evaluation‘, u. a. im Sinn empirischer Wirkungsforschung, der ‚Grundlagenforschung‘ aber auch der wissenschaftlichen Erzeugung von ‚Professionswissen‘ zunehmend den Rang … ab.“ (Ziegler 2006: 263 f.) Um es deutlich zu sagen, es steht nicht infrage, ob eine verstärkte Wirkungsforschung „an sich“ problematisch ist; sie ist es selbstredend nicht. Problematisch ist – jenseits der mit ihrer praktischen Umsetzung verbundenen methodologischen und empirisch-evaluativen Probleme sowie der Reichweite und Veränderung des inkorporierten Wissens (vgl. ausführlich: Ziegler 2006: 264 f.; Peters 2008: 82–89) –, dass die vermeintliche „Machtverschiebung in Richtung Wissenschaft gegenwärtig durch Instrumente und nach Kriterien erfolgt, die dem Management entliehen sind: Praxiswissen … muss sich wissenschaftlich-bürokratisch legitimieren“ (Kuhlmann 2006: 201 – zit. nach Ziegler 2006: 264). Problematisch ist ferner die praktische „Vermischung“ von Elementen der Wirkungsforschung mit denen einer politisch gewollten wirkungsorientierten Steuerung. Mit Letzterer werden der Kinder- und Jugendhilfe wie Sozialpädagogik auf Effizienz ausgerichtete Denk- und Handlungsformen verordnet, die versuchen, Hilfeprozesse im Sinne von eindeutigen Ziel-Mittel-Relationen zu standardisieren. Die gerade für die lebensweltorientierte Soziale Arbeit konstitutive Betonung des biographischen Eigensinns von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen hat in diesem Verständnis keinen Platz mehr. „Es entsteht ein Wettbewerb, der den Kunden zum Objekt macht, ihm aber suggeriert, dass er Herr der Nachfrage ist. Immer neue, andere und bessere Angebote werden vorgelegt, der Markt scheint ‚innovativ‘, weil er immer wieder beschleunigt und Neues schafft, indem er Bisheriges entwertet. Diese neue Technologieperspektive bildet sich zunehmend unter fiskalischem Druck, Sparzwang und Trägerwettbewerb aus.“ (Böhnisch, Schröer, Thiersch 2005: 236) Die „zeitgemäße sozialpädagogische Praxis“ zielt auf sozialtechnologisch verwertbares Praxiswissen ab. Damit wird sie zur nachgeordneten Agentur herabgestuft (vgl. ebd.: 15). Da in den neuen, z. T. „wissensbasierten“ Programmen die grundsätzlichen Ziele vorgegeben und in Qualitätshandbüchern bzw. Verträgen überprüfbar formuliert sind, beschränkt sich sozialpädagogisches Handeln in erster Linie in der sozialtechnologischen Umsetzung der Programmatik. „Die Professionellen … werden dazu aufgefordert, die allgemeinen, ideologielastigen, wohlgemeinten, nebulösen etc. Vorstellungen, aus denen sich ihre Maßnamen bisher … speisen, abzulösen durch Wissensformen, die eine ‚genaue Analyse‘ der ‚Ist-Situation‘ und eine Formulierung evaluativ messbarer ‚operativer Ziele‘ erlauben. Während die Bestimmungen der ‚Ist-Situation‘ dabei auf die Etablierung ausdifferenzierter Formen von Indikations-, Diagnose-, und ‚Assessmentverfahren‘ verweist, benötigt eine Ergebniskontrolle nach quantitativen Parametern spezifische Standardisierungs- und Normierungsverfahren, die es ermöglichen, Interventionsziele möglichst ‚S.M.A.R.T.‘ (specific, measurable, attainable, relevant, timed) zu gestalten ( BMFSFJ 1999). Diese ‚operativen Ziele‘ sind die Grundlage für die Entwicklung einer ‚praktischen Arbeit (…), in der professionelles Ermessen subordiniert wird unter die manageriellen Definitionen dessen, what works und Praxismaterialien folgt, die von extern evaluierten Methoden abgeleitet sind‘ (Harris/Kirk 2000: 135).“ (Ziegler 2003: 106) Aus dieser Perspektive löst sich die Figur des Professionellen im engeren professionstheoretischen Sinne und ein damit evtl. verbundenes anspruchsvolles, gesellschaftstheoretisch reflektiertes Professionsverständnis tendenziell auf. Noch einmal mit Ziegler: „‚The hegemony of (…) professional ideology has outlived its utility and has become counterproductive. The challenge that lies ahead is to use science to develop ‚evidence-based‘ (programs) that not only tell us what not do but also what to do‘ (Cullen/Gendreau 2001: 334). Der Anachronismus sozialpädagogischer Professionalität wird vor dem Hintergrund der drei zentralen Prinzipien einer beweisbaren Praxis deutlich: dem Risikoprinzip, dem Bedarfsprinzip und der Programmintegrität (…). Das Risikoprinzip besagt, dass die Intensität der Reaktionen direkt an den Grad des diagnostizierten Risikos gekoppelt sein soll. Das Bedarfsprinzip … verlangt, dass Interventionen gezielt auf die möglichst effektive Neutralisierung … (personaler Risikofaktoren sich) beziehen sollen. (…) (Das) Prinzip der Programm-Integrität (schließlich steht) in einem fundamentalen Gegensatz zu sämtlichen Fassungen von Profession und Professionalität“ (Ziegler – a. a. O.: 110), da es MitarbeiterInnen auf einen fremdentwickelte Programme ausführenden Status reduziert.

Zwar liegt mit dem Capabilities-Ansatz (vgl. Polutta 2014: 71 ff.) ein Modell bzw. Evaluationsrahmen vor, der unter den Gesichtspunkten gesellschaftlicher Teilhabe und Selbstwirksamkeit den Intentionen der Jugendhilfe nahekommt, aber das (originäre) Grundmodell der Wirkungsforschung ist bislang jedoch relativ einfach und operiert mit folgenden Annahmen: „Ein bestimmtes Treatment erzeugt entsprechende Verhaltensänderungen beim Klienten – oder auch nicht oder nur partiell. Dieser Zusammenhang wird als ‚Wirkung‘ des Programms gefasst. Ihr geht es mithin um die kausale oder korrelative Zurechung der ‚Effekte‘ von Programmmerkmalen und professionellem Handeln auf die adressierte Klientel (…). Dabei wird die Wirkungsrichtung in der Regel monolinear konzipiert: Im Rahmen von Zielbestimmungen ‚wirkt‘ professionelles Handeln, bzw. ein Interventionssetting, auf Klienten ein, die mit entsprechenden Veränderungen ihres Verhaltens reagieren. Diese Verhaltensänderungen sind umgekehrt auf die Programmstimuli rückführbar und können gemessen werden – absolut oder im Hinblick auf den Grad der Zielereichung. Auf dieser Grundlage werden Aussagen über die ‚Effektivität‘ von sozialpädagogischen Programmen und Interventionen getroffen. Das Ziel der Wirkungsforschung besteht so in der Identifizierung von kausalen und korrelativen Ziel-Mittel- Relationen.“ (Oelerich/Schaarschuch 2005: 15) Auch elaboriertere Überlegungen, die von komplexen oder multi-faktoriellen Wirkungszusammenhängen ausgehen, folgen im Prinzip der gleichen Logik, wenngleich ihr Evaluationsdesign anspruchsvoller – aber durchaus mit grundlegend ähnlichen Problemen wie die gesamte Wirkungsevaluation behaftet – ist (vgl. ausführlich: Peters 2006).

Festzuhalten bleibt vorab: Das hiermit wie mit einer wirkungsorientierten Steuerung angestrebte Ziel ist die Absicht der Optimierung des Einsatzes von Mitteln und Ressourcen im Hinblick auf vorweg definierte Ziele bzw. eine programmatisch gesetzte/ausformulierte Zielerreichung. „Erziehung“ wird hier „zu einem System der Machtanwendung, zu einseitig geplanten und vollzogenen Situations- und Prozessarrangements: Der Sinn eines Handlungszusammenhangs wird einseitig vorbestimmt …, die ‚nicht-erziehenden‘ Beteiligten werden – sozusagen jenseits ihrer faktischen Mitwirkung an der Interaktion – zum eigentlichen Objekt der in Gang gebrachten Prozesse … und alle auftauchenden Handlungsschritte und Handlungsinhalte werden auf die erzieherische Intention hin relativiert …, eine Form sehr differenzierter Machtbeanspruchung und Machthandhabung“ (Kob 1976: 42 f.).

Die im teleologischen Handeln eingelassene Vorstellung von Wirksamkeit ist so tief in unseren Vorstellungen verankert, dass wir seinen (historischen) Konstruktcharakter, der aufs engste verwoben ist mit der Durchsetzung des abendländischen Rationalisierungsprozesses, kaum mehr erkennen (vgl. Türk/ Lemke/Bruch 2006: 49 ff.). „Wir entwickeln eine Idealform (eidos), die wir als Ziel (telos) setzen, und dann handeln wir, um sie in die Realität umzusetzen. All das liefe von selbst – Ziel, Ideal und Wille: die Augen auf das Modell gerichtet, … entscheiden wir, in die Welt einzugreifen und der Realität Form zu geben.“ (Julien 1999: 13) Dieses geläufige Schema verstellt im Kontext einer lebensweltorientierten Praxis entweder den Horizont für die konstitutiven Elemente der Lebenswelt(-en) oder aber führt zur puren Manipulation des sozialen Feldes und seiner Akteure. Das (fach-)politische Ziel bleibt deswegen, „Lebensbereiche, die funktional notwendig auf eine soziale Integration über Werte, Normen und Verständigungsprozesse angewiesen sind, davor zu bewahren, den Systemimperativen der eigendynamisch wachsenden Subsysteme Wirtschaft und Verwaltung zu verfallen“ und über Steuerungsmedien „auf ein Prinzip der Vergesellschaftung umgestellt zu werden, das für sie dysfunktional ist“ (Habermas 1981, II: 547). Die klassische Pädagogik (Bollnow) formulierte diese angesprochenen Sachverhalte als „Wagnischarakter“ jeglichen pädagogischen Handelns. Alle pädagogisch Handelnden müssten sich des Faktums bewusst sein, „dass die sinnhaften Handlungsentwürfe, die das Handeln orientieren, sich zeitlich auch in Ungewissheit, sozial auch in der Fremde und sachlich auch im Unbestimmten bewegen“ (Böhnisch/Schroer/Thiersch 2005: 261) – eine Formulierung, die nicht zufällig an die Diagnose des „strukturellen Technologiedefizits der Pädagogik“ erinnert. Die Alternative wäre, Lernprozesse nicht mehr aus der Ziel-Mittel-fixierten Binnenstruktur der Organisation heraus zu bestimmen, sondern alles zu unternehmen, um „Lernprozesse in Auseinandersetzung mit den veränderten Organisations-Umwelt-Bedingungen neu aufzuschließen“ (ebd.), um nicht sich zu verfangen in einer selbstreferentiellen Organisation von Hilfesystemen. Der Nutzen personenbezogener Dienstleistungen kann so als Gebrauchswerthaltigkeit professioneller Tätigkeit im Hinblick auf die produktive Auseinandersetzung mit den Anforderungen, die sich für die Nutzer aus den sich ihnen stellenden Aufgaben der Lebensführung ergeben, bestimmt und einer empirischen Forschung zugänglich gemacht werden (vgl. Oelerich/Schaarschuch 2005: 80 ff.) – jenseits eines „Entweder-Oder“ von Selbstbestimmung vs. Fremdbestimmung und unter Beachtung der Form und Formierung des Feldes (erzieherischer Hilfen) und ihrer unablässigen (diskursiven) Um- und Neustrukturierung und eben differentieller Nutzung.

Zeichnen sich Technologien durch eine klare Ursache-Wirkungs-Kausalität aus, so ist diese im Feld lebensweltorientierter Praxis und Pädagogik nicht möglich. Aus systemtheoretischer Perspektive haben Luhmann/Schorr schon 1988 auf das strukturelle, häufig zitierte, aber offensichtlich ebenso häufig nicht ernst genommene „Technologiedefizit“ der Pädagogik und den autopoietischen Charakter von Bildung hingewiesen, was sich mit Thiersch sozialpädagogisch umformulieren lässt: „Sozialpädagogik ist verantwortlich für Anregungen, Provokationen, Unterstützungen – aber nicht dafür, was die AdressatInnen damit machen: Sie leben ihr eigenes Leben. Die pädagogischen Ansprüche können und müssen auch abgelehnt und verweigert werden können. Die Grenzen, vor allem auch die Überlappungen, zwischen Eigensinnigkeit, Stellvertretung und Verantwortung können nur im einzelnen ausgehandelt werden.“ (Thiersch 1993: 17). Obwohl ein solches Verständnis von Sozialpädagogik es in der aktuellen sozialpolitischen Landschaft schwer hat, ist in Übereinstimmung mit Luhmann/Schorr zu konzedieren, dass es sinnvoll wäre, eine „immer neu ansetzende (oder: immer wieder als neu erscheinende) Suche nach technologischen Verbesserungen aufzugeben, sondern statt über eine nie gelingende Kompensation des Technologiedefizits auf dessen Reflexion umzustellen“ (Luhmann/Schorr 1988: 130) und zugleich von einer Wirksamkeit im instrumentellen Sinne, die durch das Verhältnis von Mittel und Ziel bestimmt ist, Abschied zu nehmen zu Gunsten einem Verständnis von Wirksamkeit, die von der Freisetzung von Potenzialen in der Situation bestimmt ist.

 

Literatur

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