Rassismus in den Erziehungshilfen: (Un)Sichtbarkeiten und Verflechtungen

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ForE1_2022

Die Kinder- und Jugendhilfe hat den Anspruch und die Aufgabe, gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe zu verwirklichen, Benachteiligungen abzubauen und positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien zu schaffen. Durch Rassismus wird Menschen, die von der „Weiß-deutschen Mehrheitsgesellschaft“ hinsichtlich vermeintlicher Ethnizität, Kultur oder Herkunft als „anders“ angesehen werden, Teilhabe auf verschiedenen Ebenen verwehrt, erschwert oder nur unter bestimmten Bedingungen zugestanden. Dies zeigt sich etwa in Zugängen zu Bildung, Wohnraum und Arbeit, in der Zuschreibung von vermeintlich kulturell bedingten Eigenschaften, in diskriminierenden bürokratischen und institutionellen Praktiken, in der auf Ausschlüsse zielende Asylgesetzgebung und Abschiebepraxis, in alltäglichen Abwertungen, in tätlichen Angriffen bis hin zu Brandanschlägen und Tötung(sversuchen). Die Kinder- und Jugendhilfe hat von jeher mit Menschen zu tun, die aufgrund von gesellschaftlichen Strukturen Diskriminierung erfahren. Rassismuserfahrungen können Hilfebedarfe hervorrufen, sich auch in diesen wiederholen und jene prägen. Rassistische Strukturen und Ordnungen − also das machtvolle Wissen darüber, wer als „zugehörig“ und wer als „anders“ oder „fremd“ angesehen wird und was daraus folgt – sind tief in der Gesellschaft verwurzelt. Sie prägen die Kinder- und Jugendhilfe, die Gewährung von Hilfeleistungen, die Gestaltung von Hilfeverläufen, das Agieren von Fachkräften und Adressat*innen. Insofern ist es erstaunlich, dass das Thema Rassismus in der Kinder- und Jugendhilfe und insbesondere in den Erziehungshilfen bisher wenig diskutiert und beforscht ist. Eine rassismuskritische Auseinandersetzung mit der eigenen Praxis ist notwendig, um nicht rassistische Denk- und Handlungsmuster (unbeabsichtigt) zu verfestigen und Ausschlüsse zu reproduzieren. Eine klare Positionierung gegen rassistische Handlungen und Strukturen ist notwendig, um Beteiligung, Förderung und Schutz von jungen Menschen mit Rassismuserfahrungen verwirklichen zu können. Das Heft beleuchtet Rassismus in der Jugendhilfe bzw. Erziehungshilfen auf verschiedenen Ebenen und zeigt Ansatzpunkte rassismuskritischer Perspektiven auf. Wie Rassismus funktioniert, welche Auswirkungen die Ungleichheiten zwischen als „Weiß bzw. Deutsch“ und als „anders“ identifizierten Menschen in der Kinder- und Jugendhilfe bzw. den Erziehungshilfen haben und Ansatzpunkte dem entgegenzuwirken, beschreiben eingangs Lydia Tomaschowski und Stefan Wedermann. In einem Erfahrungsbericht eines jungen Menschen wird deutlich, wie rassistische Strukturen und Handlungen alltägliches Leben prägen und vor welchen hierdurch hervorgerufenen Hindernissen und Ungerechtigkeiten dieser auch in der Jugendhilfe immer wieder stand. Angesichts des gesellschaftlichen und institutionellen Rassismus-Problems in Deutschland braucht es eine (bisher nicht geführte) grundlegende Debatte, Reflexion und Fallanalysen über Rassismus in den Jugendämtern, so das Plädoyer im Beitrag von Lucas-Johannes Herzog. Jutta Goltz, Leonie Rosenbauer und Karin Burth stellen rassismuskritische Ansätze einer Jugendhilfeeinrichtung vor. Wesentlich hierfür seien u. a. die Haltung von Leitungsebene und Teams, Räume für Selbstreflexion der Fachkräfte, die Perspektiven der jungen Menschen sowie auch ein politisches Verständnis Sozialer Arbeit. In einem Interview der ForE-Redaktion mit Adolis Asmerom geht es um offene und verdeckte Rassismen in der Arbeit von Jugendhilfe-Einrichtungen. Diesbezügliche Zuschreibungen und Vorstellungen sowohl von Fachkräften als auch von Adressat*innen, so der Tenor des Gesprächs, müsse entgegengewirkt werden. Claus Melter zeigt auf der Grundlage des Ansatzes der menschenrechtsorientierten Sozialen Arbeit auf, dass und wie sowohl Fachkräfte und Einrichtungen als auch die Theoriebildung in den Erziehungshilfen einer grundlegenden diskriminierungskritischen und machtreflexiven Befragung, Analyse und Veränderung bedürfen.

Lydia Tomaschowski, Stefan Wedermann

 

 

Aus dem Inhalt

Schwerpunkt

Lydia Tomaschowski, Stefan Wedermann: Blickwinkel. Das Wirken von Rassismen und die Kinder- und Jugendhilfe

Erfahrungsbericht eines Careleavers: Rassismuserfahrungen eines jungen Menschen

Lucas-Johannes Herzog: Rassismus im Jugendamt: Vom Nachdenken über eine nicht geführte Debatte

Jutta Goltz, Leonie Rosenbauer, Karin Burth: Räume für Selbstreflexion − rassismuskritische Ansätze einer Jugendhilfeeinrichtung

Adolis Asmerom im Interview mit der ForE Redaktion: Rassismus in Praxis und Alltag der HzE

Claus Melter: Rassismuskritische und menschenrechtsorientierte Erziehungshilfe?

Internationales

Lukas Fellmann, Daniela Koechlin, Jana Osswald, Angela Rein, Marina Wetzel: Hilfen zur Erziehung in der Schweiz

Diskussion

Felix Berth: Diskussion Säuglingsheime in BRD und DDR: Parallelen und Differenzen in der Geschichte einer vergessenen Institution

Manfred Kappeler: „Das Elend der Verschickungskinder“ (Anja Röhl) – eine erweiterte Rezension Manfred Kappeler

Rechtsfragen

Norbert Struck: Beschluss des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs zur Erteilung einer Betriebserlaubnis

Schlagwörter
Seiten
64
Erscheinungsjahr
2022
Ausgabe
1
Sammelband
Nein
Ausgabe Jahr
2022