Materialien zur Heimerziehung - Ausgabe 04 -1992
Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit als Problem der Jugendhilfe und Heimerziehung?
Als wir dieses Materialienheft geplant haben, standen wir unter dem Schock des Pogroms von Hoyerswerda Im September 1991. Dies erklärt vielleicht, warum die Jahrestagung 1991 in Hamburg Rechtsradikalismus und Ausländerfeindlichkeit nicht eigentlich thematisiert hat. In der Folgezeit und nachdem sich die ausländerfeindliche Situation In Gesamtdeutschland weiter verschärft hat, die Überfälle, Brandanschläge, Körperverletzungen und Morde aus rassistischen und rechtsextremistischen Motiven nicht abreißen — allein in den ersten 9 Monaten dieses Jahres starben 10 Menschen durch rechten Terror —, zeigte sich jedoch, daß eine Auseinandersetzung mit Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus (Jugendlicher) dringend notwendig Ist, notwendig vor allem auch vor folgendem Hintergrund: Parallel zum Terror der Straße, dessen aktivste Träger zumeist männliche Jugendliche und junge Männer sind, entfaltet sich die politisch-publizistische Produktion und Zementierung des Feindbildes „Asylant", dem die Verantwortung für die Folgen langfristiger Fehlplanungen von Infrastruktur, Rezession und die Deindustrialisierung der ehemaligen DDR aufgebürdet werden. Die Verantwortung der Wirtschaftszentren des Nordens für die Erzeugung weltweiter Flüchtlingsbewegungen ist kein Gegenstand aufgeregter öffentlicher Diskussionen, statt dessen nutzen immer mehr Politiker den Straßenterror immer offener für ihr Kalkül der Abschreckung von Flüchtlingen und die Verschärfung von Gesetzen. In der letzten Zeit Ist mehrfach davon gesprochen worden, daß der Rechtsextremismus in diesem belgetretehen Beitrittsgebiet Bundesrepublik Deutschland mittlerweile die Struktur und Dimension einer „sozialen Bewegung" hat. Einer Bewegung, die sich arbeitsteilig zwischen Straße, klandestinen Zirkeln, Presse, Parteien und rechtsintellektuellen Ideologieproduzenten entfaltet und für sich reklamiert, mit größerer Konsequenz das zu tun, was etablierte Politik in breiter Front angeblich zur Lösung sozialer Probleme konstruiert hat: Ausländer vertreiben. Und was die Politiker betrifft, „so sind viele von ihnen In einer ziemlich neuen Rolle aufgetreten, nämlich als Sozialhelfer. Ihre therapeutischen Bemühungen galten nicht den Gejagten — die wurden mit rhetorischen Karamelbonbons abgefunden —, sondern denen, die sich auf die Menschenjagd spezialisiert hatten. Dabei kamen bedauerliche Mängel des Schulwesens, vor allem in der ehemaligen DDR, zur Sprache; es wurde um Verständnis für das schwere Los der Arbeitslosigkeit gerungen; als mildernder Umstand kam, neben der Unreife der Totschläger, ihre kulturelle Desorientierung in Betracht. Man habe es alles in allem mit ,armen Schweinen' zu tun, denen mit pädagogischer Geduld begegnet werden müsse. Von derart unterprivilegierten Personen könne man schließlich nicht ohne weiteres die Einsicht erwarten, daß das Verbrennen von Kindern, strenggenommen, nicht statthaft ist. Um so dri gender müsse auf das mangelhafte Freizeitangebot hingewiesen werden, das den Brandstiftern zur Verfügung stehe". (H. M. Enzensberger — Die große Wanderung, Frankfurt a. M. 1992, S. 72). Hält man sich diese hier nur grob skizzierten Koordinaten der gegenwärtigen Situation vor Augen, so wird deutlich, daß wir es hier
nicht mit einem spezifischen „Jugendproblem" zu tun haben und daß Kembereiche dieser Probleme nur im Kontext radikal veränderter Politik angehbar sind. Insofern kann Jugendhilfe nicht die vorrangige Praxisebene gegen den Rechtsradikalismus sein. Aber natürlich ist der Rechtsradikalismus auch für die Jugendhilfe ein Problem. ' Aber für die Heimerziehung? In Veröffentlichungen zur Heimerziehung sucht man bisher Diskussionen zum Thema Rechtsradikalismus/ Ausländerfeindlichkeit weitestgehendst vergebens. Zwar hört man/frau gelegentlich und quasi „ unter der Hand", daß es eine Reihe zumeist männlicher Jugendliche gäbe, die mit nationalistischen und rechtsradikalen Insignien (Balken- und Hakenkreuze, Reichskriegsflagge etc.) ihre Zimmer ausschmücken etc., aber solches wird zumeist pädagogisierend interpretiert als „ Provokation" der Erzieherinnen abgetan. Harte Skins, gewaltbereite oder -tätige rechtsradikale Jugendliche scheint es in Einrichtungen der Jugendhilfe (definitorisch?) kaum/nicht zu geben. Etwas problematischer scheinen da schon Punkerinnen, deren provokatorische Lebensäußerungen schon mal eher problematisiert werden. Sollte dieser Eindruck zutreffen, wirft er einige ketzerische Fragen auf, z. B. die, ob sich Einrichtungen der „ Hilfe zur Erziehung" und die in ihnen tätigen Erzieherinnen dem Problem rechtsradikale Jugendliche durch Verleugnung entziehen oder ob es sie tatsächlich nicht gibt und wenn, warum nicht? Oder ob die auf „ Iaw and order" Ideologisch getrimmten rechtslastigen Jugendlichen in — häufig genug noch auf Ruhe und Ordnung ausgerichteten — Heimen/auf der Gruppe weniger auffallen oder gar, weil sie nach innen angepaßter sind, als Garanten innerer Stabilität erscheinen?Wenn dies alles (hoffentlich) nicht zutrifft, in welcher Form und mit welchen Erfahrungen sind Mitarbeiterinnen der Heimerziehung den Problemen rechtslastiger oder -radikaler bzw. ausländerfeindlicher Jugendlicher, die diese haben und machen, ausgesetzt? Aufgrund der skizzierten Materiallage kann dieses Heft die Diskussion nicht intensiv eröffnen, aber wir hoffen, sie mit ihm anzuregen.
Das hauptsächliche Material zu diesem Heft bezieht sich folglich auf den breiteren Rahmen der Jugendhilfe und dokumentiert eine Diskussion, die für die Heimerziehung wohl noch nachzuholen ist:
- Der Aufsatz von Benno Hafeneger schildert Erscheinungsformen jugendlichen Rechtsextremismus und Reaktionen der Jugendhilfe, insbesondere der Jugendarbeit darauf.
- Michael Schumann setzt sich insbesondere mit den sozialwissenschaftlichen Erklärungsansätzen zu diesem Thema auseinander und skizziert Schwerpunkte eines Handlungsforschungsprojektes.
- Der Aufsatz von Birgit Rommelspacher problematisiert die Täterentlastungsfunktion im sozialwissenschaftlichen Diskurs und beleuchtet die geschlechtsspezifische
Struktur des Problems und die Analogien von Rechtsextremismus und Sexismus. Aus einer Untersuchung der Forschungsstelle Sozialanalysen in Leipzig, die Einstellungen junger Menschen zu den Themenkomplexen „ Politische Einstellungen", "Rechtsextreme Orientierungen/Gewalt", „Verhältnis zu Ausländern" und „Lebenswerte, Lebensbefindlichkeiten" erhob, werden einige zentrale Ergebnisse vorgestellt. - Hans-Gerd Jaschke interpretiert den Rechtsruck als nicht nur in Deutschland erkennbaren Trend der Ethnisierung sozialer Konflikte und spricht In diesem Zusammenhang von einer „neuen sozialen Bewegung von rechts".
- In einer Literaturliste sind die Titel zusammengestellt, auf die wir bei unserer Arbeit für dieses Heft gestoßen sind. Sie ist nicht vollständig, kann aber zur Weiterarbeit anregen.
- Am Ende dieses Heftes finden Sie außerdem einen Reisebericht von Christine Vetter über ein Sommenworkcamp in Rumänien.