Materialien zur Heimerziehung - Ausgabe 04 -1988

Text Sxhwarz weiß Titelblatt

Das vorliegende Heft beschäftigt sich mit dem Thema: Mädchenerziehung

Die Diskussion von Vorstellungen über die Erziehung von Mädchen ist auch im Rahmen der Heimerziehung viele Jahre alt und wurde aus unterschiedlichem Blickwinkel geführt. Die getrennt-geschlechtliche Erziehung war auch in den 60er Jahren in der Heimerziehung noch übliche Praxis, so daß Mädchenerziehung und Jungenerziehung in getrennten Einrichtungen oder aber in getrennten Gruppen den Charakter der Erziehung dieser Zeit deutlich mitprägte. Ausschlaggebend für diese Trennung waren dabei allerdings weniger bestimmte Erziehungskonzepte, die auf die spezifischen Bedürfnisse und Probleme von Mädchen und Jungen eingegangen wären, sondern mehr restriktive Moralvorstellungen beziehungsweise, anders gewendet, ging es darum, Mädchen und Jungen voreinander und damit vor „gefährdenden" Freundschafts- bzw. Sexualkontakten zu schützen. Mit der Lockerung der Moralvorstellungen, der fortschreitenden sexuellen Liberalisierung, den veränderten Erziehungs- und Bildungsmodellen setzte sich jedoch im Laufe der Jahre in Schulen und Erziehungseinrichtungen die gemeinsame Erziehung von Mädchen und Jungen durch: Koedukation wurd in der Schule überwiegende Realität, auch in der Heimerziehung. Mädchenerziehung wurde diesem Plädoyer für die koedukative Erziehung untergeordnet. Erst im Zuge der Frauenbewegung, die die spezifische Benachteiligung von Mädchen und Frauen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft aufzeigte, rückte die Frage wieder in den Mittelpunkt des Interesses. Da sich die Entwicklung von Mädchen doch von der der Jungen unterscheidet, sollen diese Unterschiede auch in der Erziehung Berücksichtigung finden. Verschiedene Ansätze sind in der Zwischenzeit hierzu diskutiert worden: Die feministische Mädchenarbeit geriet dabei in besonderer Weise in das Feuer der Kritik, wie feministische Ansätze generell in der öffentlichen Diskussion. Wenn auch feministisch geprägte Erziehungsvorstellungen in der Jugendhilfe umstritten sind, so hat die Bewegung insgesamt doch zur anerkannten Klarheit in vielen Fragen geführt: Die Benachteiligung von Mädchen in Jugendfreizeiteinrichtungen, in der Berufsausbildung, aber auch in Wohnformen der Heimerziehung konnte aufgezeigt werden. Nicht zuletzt verdanken wir das weitg hend gesicherte Wissen um den sexuellen Mißbrauch von Mädchen in den Familien dieser Bewegung, wenn auch Ausmaß und Folgen hiervon noch ungeklärt sind. Das vorliegende Materialienheft soll einen Teil dieser Fragen, die gegenwärtig in der Mädchenerziehung diskutiert werden, behandeln. Problembeschreibungen, Konzeptvorschläge, Berichte aus der Praxis sollen einen Teil des Spektrums dessen, was Mädchenerziehung heute ausmacht bzw. was hierbei zu hinterfragen ist, wiedergeben.

Erscheinungsjahr
1988
Ausgabe
4
Sammelband
Nein