Materialien zur Heimerziehung - Ausgabe 05 + 06 -1984
Heimschulen
"Jugendhilfe und Schute suchen gemeinsam nach Antworten". Die lGtH nahm das Motto des 7. Deutschen Jugendhilfetages in Bremen zum Anlaß, sich in ener der vielen Fachveranstattungen mit jener Institution zu beschäftigen, die in ihrem Fachbereich den Schnittpunkt zwischen Jugendhilfe und Schute ausmacht: den Heimschulen. Das vorliegende Heft enthält u. a. die überarbeiteten und teils neu verfaßten Referate der Veranstaltung.
Durch die Geschichte der Heimbeschulurg zieht sich als roter Faden die Frage.
- ob Kinder in Heimen „durch eigene Schulen ... noch mehr isoliert (werden), als sie es schon ohnehin durch die Anstaltspflege sind'.
- ob nicht „ unwillkürlich der Betrieb der Heimschulen der Abnormität des Kindes angepaßt (wird)", aber auch die Frage,
- ob sich genügend Schulen finden werden, die bereit sind, Schüler, „die von Arzt und Heimleitung für ausreichend gefördert erklärt wurden, die öffentliche Schule zu besuchen" mitaufzunehmen,
- ob nicht Heimkindem „ bei dem Besuch der allgemeinen Schulen . . der Unterschied zwischen Kindern, die ein Elternhaus haben, und ihrem eigenen Schicksal schmerzlich und verbitternd zur Erkenntnis kommt." *)
Solche Fragen - isolierende Wirkungen der Heimbeschulung, unzureichende Vorbereitung auf die Anforderungen 'draußen'. Versagen der Regelschulen gegenüber 'besonderen' Kindern, Stigmatisierung von Heimkindern in Regelschulen - werden bis heute diskutiert. Für die Veranstaltung wurden sie polemisch zu der Frage: „Heimschulen-Hilfe zur Integration oder Abschiebeeinrichtung"- zusammengefaßt. Natürlich, in dieser Zuspitzung ist die Frage schief gestellt: Heimschulen sind nie das eine oder das andere, sondern leben in der Spannung zwischen beidem. Die Beiträge dieses Heftes sind ein Angebot an den Leser, sich dieser Spannung zu stellen und für sich - als Lehrer für seine Schüler, als Erzieher für seine Kinder, als Heimpolitiker für seinen Verantwortungsbereich - einen Umgang mit dieser Ambivalenz zu finden.
Ziel der Veröffentlichung ist es, die Auseinandersetzung um den in den letzten Jahren stark vernachlässigten Bereich auf eine breitere Basis zu stellen. Dem wäre zum Beispiel durch eine Diskussion in den Regionalgruppen der
IGfH
gedient. Anregend könnte dabei wirken, daß die Autoren der Beiträge keineswegs nur zu gleichen Einschätzungen kommen, und also den Leser zur Stellungnahme herausfordern. In dem Heft werden empirische Materialien vorgestellt, Einschätzungen und Analysen vorgetragen und Praxisberichte gegeben. Themen sind damit die Strukturen des Heimschulwesens, seine jugendhilfe- und bildungspolitische Funktion und
die exemplarisch, aber wohl nicht repräsentativ vorgestellte Praxis. Die Wirklichkeit des Heimschulwesens ist von jeder dieser Ebenen bestimmt.
Jürgen Blandow
*) Die Zitate stammen aus Art. Kinderfürsorge (Münsterberg), in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften. 3. Aufl.. Jena 1909-11. Bd. 5. S. 831 und Art. Heilpädagogische Anstalten (von der Leyen), in: Handbuch der Pädagogik, hrsg. von Nohl/Pallat. Berlin und Leipzig 1929, Bd. 5, S. 170.