Materialien zur Heimerziehung - Ausgabe 04 -1990
In der modernen Industriegesellschaft gilt dem Bamberger Soziologen Ulrich Beck zufolge, daß das „marktgängige Subjekt" das in seiner Mobilität und Flexibilität nicht durch Kinder und Familie „behinderte" Individuum ist. Auf dem Arbeits-. Wohnungs- und Freizeitmarkt sind die Singles und „Dink's" (= Double income, no kids), nicht aber Mütter und Väter — zumindest nicht die kinder- und familienorientierten — gefragt. Aufgrund der Spannungen zwischen diesen strukturell kinderfeindlichen
Marktmechanismen, der zurückgehenden Kinderzahl in der Gesellschaft und der gleichzeitigen Sehnsucht nach Kindern aus individuell-emotionalen und gesellschaftlich-bevölkerungspolitischen Gründen hat das Thema „ Kind" zur Zeit fraglos Konjunktur: von der äußerst regen Kinderkommission des Deutschen Bundestages bis zu den sich auf örtlicher Ebene durchsetzenden „Tempo 30"- Regelungen. Freilich ist hier oft eine mehr symbolische „ Ein-Herz-für-Kinder- Politik zu beobachten. Praktisch sieht es schlecht aus: Kinder und Jugendliche haben kaum Rechte und Artikulationsmöglichkeiten, als Kompensation für die zumeist nicht vorhandenen Geschwister kann nicht auf ausreichende Kindergarten- oder Hortplätze oder eine intakte Spielumgebung verwiesen werden, Kinder werden aus gestylten Fußgängerzonen abgedrängt In Spielplatzreservate („von 8 bis 12 und von 14 bis 18 Uhr, im Interesse der Anwohner). Diese Einschränkung der Entfaltungsmöglichkeiten muß die Jugendhilfe auf den Plan rufen. Die
IGfH
lud daher im März 1990 zu einem Expertengespräch und stellte die Frage:
Brauchen wir kommunale Kinder- und Jugendlichenbeauftragte?
Reichen die bestehenden Organe der Jugendhilfe, insbesondere Jugendamtsverwaltung und Jugendwohlfahrtsausschuß, aus oder benötigen wird für eine neue kommunale Sozialpolitik für Kinder und vor allem mit Kindern neue Zugangsweisen und Instanzen? Die Mehrzahl der geladenen Expertinnen votierten deutlich für die Schaffung von hauptamtlichen Kinderund Jugendlichenbeauftragten auf kommunaler Ebene. Für eine kinderfreundlichere Kommunalpolitik sei eine von der Verwaltung relativ unabhängige Person notwendig, die ein identifizierbarer Ansprechpartner für Kinder und Jugendliche wäre, für deren Belange im Sinne einer Querschnittspolitik eintrete und den formellen Organen der Jugendhilfe „ Dampf mache".