Materialien zur Heimerziehung - Ausgabe 03 + 04 -1984
Das vorliegende Heft befaßt sich schwerpunktmäßig mit der Situation von Kindern und Jugendlichen, die ohne erwachsene
Verwandte aus ihrem Heimatland in Südostasien geflüchtet sind und ab 1979 als sogenannte Kontingentflüchtlinge in der
Bundesrepublik aufgenommen wurden. Die Kinder stammen aus Vietnam. Kambodscha und Laos.
Unbegleitete Flüchtlingskinder aus Südostasien.
Das öffentliche Interesse. das die Aufnahme der Flüchtlingskinder anfangs begleitet hatte, ist inzwischen abgeflacht. Viele
deutsche Ehepaare wurden in ihrer Hoffnung auf ein Adoptivkind enttäuscht, da es sich bei den aufgenommenen Kindern
ganz überwiegend nicht — wie vorher angekündigt — um Kinder im Säuglings- und Kleinkindalter handelte und zudem in
vielen Fällen unklar ist. ob die Eltern nicht doch noch leben. Um die Kinder ist es stiller geworden. Die Praxis blieb ziemlich im
Dunkeln. Ihre theoretische Aufarbeitung wurde unseres Wissens wenig geleistet. Von besonderer Bedeutung sind nach wie
vor: die Probleme der Integration und soziokul:.urellen Ide.nlität und die damit zusammenhängenden Fragen der geeigneten
Betreuungs- und Unterbringungsform (familiale versus gruppenorientierte Lebensformen) und die Zukunftsperspektiven. Die
Diskussionen hierzu verlaufen fachlich .kontrovers und weltanschautich geprägt.
Auf dem Hintergrund der nicht unerheblichen Verunsicherung der sozialen und kulturellen Identität der Kinder und
Jugendlichen stellt sich für uns die Frage. ob de HIL'sangebote damals nicht eher hätten darauf gerichtet werden sollen, den
Flüchtlingskindern in einem südostasiatischen Land eine Existenz zu ermöglichen. Hier wird die politische Dimension
karitativen Handelns deutlich. Für die in der Bundesrepublik aufgenommenen Kinder und Jugendlichen gilt es, Bedingungen
zu schaffen, die den notwendigerweise mit dem Wechsel in unsere Gesellschaft verbundenen Bruch in ihrer Entwicklung
möglichst gering halten.
In diesem Heft können nur einige Aspekte des Themas aufgegriffen werden:
— Ingrid Baer, Direktorin des Interrationalen Sozialdienstes, stellt die unterschiedlichen Zielsetzungen bei der Unterbringung
der Flüchtlingskinder dar und versucht eine Bewertung aus heutiger Sicht. Der Internationale Sozialdienst verfügt über
umfassende Kontakte zu Behörden, Institutionen und Fachleuten, die in der Thematik stehen.
— Unser Bericht über eine Umfrage zur Situation „ unbegleiteter Flüchtlingskinder" in der Bundesrepublik und Berlin (West)
legt — mit einiger Vorsicht zu verwendende — Zahlen vor und zeigt auf, daß es derzeitig schwer möglich ist, die an der
Unterbringung Beteiligten für eine zahlenmäßige und inhaltliche Transparenz zu gewinnen.
— Zwei Berichte von Pflegeeltern, einer davon in gekürzter Interviewform, geben einen plastischen Einblick in die
Schwiengkeiten, die entstehen, wenn zwei grundsätzlich verschiedene Kulturen aufeinanderprallen.
— Winfried Dahlen, Mitarbeiter in der Heimaufsicht des Landesjugendamtes Rheinland-Pfalz, skizziert südostasiatische
Gewohnheiten, Sitten und Gebräuche, die bei uns wenig bekannt sind und deren Unkennntnis zu Konflikten und
Mißverständnissen im pädagogischen Alltag führen.
— Helga Jockenhävel-Schiecke, Mitarbeiterin im Flüchtlingsprogramm des Internationalen Sozialdienstes, setzt sich auf der
Grundlage von Praxisberichten und unter Aufarbeitung einschlägiger Literatur mit den Voraussetzungen und Perspektiven
einer Sozialisation im Spannungsfeld zweier Kulturen auseinander.
Berichte über Betreuung in Gruppen und über Heimerziehung fehlen in diesem Heft. Es ist nicht gelungen, die von uns
angefragten Praktiker bis Redaktionsschluß zu einer Darstellung zu gewinnen. Wir greifen das Thema eventuell zu einem
späteren Zeitpunkt noch einmal auf.
Hannelore Häbel / Peter Widemann