Materialien zur Heimerziehung - Ausgabe 02 -1990

Text Schwarz Weiß Titelblatt

Verkürzung und/oder Flexibilisierung der Arbeitszeit, die Bedeutung der Maschinenlaufzeiten, das Leben in einer Freizeitgesellschaft, die Verdichtung des Arbeitsprozesses und — bislang nur literarisch zu finden — die Entdeckung der Langsamkeit: Diese aktuellen Stichworte und die damit verbundenen Assoziationen deuten auf das beträchtliche Gewicht hin, daß die Dimension „Zeit" in unserer Gesellschaft einnimmt. In der Heimerziehung ist mit der Frage der Arbeitszeitgestaltung
schon seit längerem eine besondere Brisanz verbunden, bündelt sich doch in dieser Frage wie unter einem Brennglas die strukturelle Besonderheit öffentlicher Erziehung: Erziehersein ist auf der anderen Seite ein Beruf mit zunächst allen damit zusammenhängenden, vertraglich geregelten und gesetzlich vorgeschriebenen Pflichten und Rechte (z. B. auf klare Regelung der Arbeitszeit, auf Urlaub usw.), der junge Mensch im Heim erwartet auf der anderen Seite kontinuierliche und
verläßliche Bezugspersonen unabhängig von einem Acht-Stunden-Takt oder der Lage von Feiertagen. Das alte Problem der beiden Seiten gerecht werdenden Arbeitszeitregelung hat durch die aktuelle Arbeitszeitverkürzung und die Diskussion um ein neues Arbeitszeitgesetz an Schärfe gewonnen. Die IGfH führte daher vom 27.-29.11.1989 eine Expertentagung zum Thema

Arbeitszeitregelung in der Heimerziehung

im Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt durch, die in diesem Heft dokumentiert wird. Die Tagung stieß auf eine breite Resonanz: erstmals versammelten sich Fachleute aus den verschiedensten Bereichen, aus Heimen, Verbänden, Behörden und Gewerkschaften, um zukünftige — pädagogisch verantwortbare und den Arbeitnehmerinteressen genügende — Modelle der Arbeitszeitregelung zu diskutieren. Als besonderer Erfolg ist auch zu werten, daß die anläßlich der Tagung erarbeitete Stellungnahme von sämtlichen anwesenden Expertinnen und Experten getragen wird. Interessant erscheint mir, daß von der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesjugendbehörden fast zeitgleich eine Stellungnahme zum Thema erarbeitet wurde (siehe weiter hinten in diesem Heft), die in hohem Maße Übereinstimmung mit der IGfH-Stellungnahme aufweist. Es ist zu hoffen, daß die in der Stellungnahme gemachten Vorschläge — insbesondere die Sabbatregelung — nunmehr von Einrichtungen aufgegriffen und umgesetzt werden. Die Verwirklichung neuer Modelle der Arbeitszeitgestaltung muß ein zentrales Element zukünftiger Heimerziehung werden, nicht nur den in Heimen aufwachsenden Kindern und Jugendlichen zuliebe sondern auch, um das Heim und die Wohngruppe (wieder) zu einem lohnenden
Arbeitsplatz für Erzieher/innen werden zu lassen.

Erscheinungsjahr
1990
Ausgabe
2
Sammelband
Nein