Zukünftige Heimerziehung?!

Debatten und Herausforderungen

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Das was heute unter Heimerziehung verstanden wird, kann angesichts der Ausdifferenzierung der Formen und Settings schwer systematisiert werden. Immer sind jedoch institutionalisierte sozialpädagogische Orte gemeint, an denen ein organisierter Alltag für junge Menschen gestaltet werden soll. Das schließt die Verfahren, Organisationen und Strukturen, durch die dieser Prozess des (zeitweisen) Aufwachsens am anderen institutionalisierten Ort veranlasst, entschieden und kontrolliert wurde, mit ein. Gleichzeitig wissen wir, dass das Feld der Heimerziehung historisch belastet ist, Machtprozesse und Zwang beinhaltet, Stigmatisierungsprozesse mit ihr verbunden sind, z. B. wenn die Rede vom „Heimkind“ ist. Angesichts der Intensität der Intervention und der langfristigen Folgen von Heimerziehung für die soziale Teilhabe von jungen Menschen und ihr persönliches Leben muss aber auch aktuell erwartet werden, dass Auskunft darüber gegeben werden kann, wie durch und in den ausdifferenzierten Formen der Heimerziehung Erziehung, Bildung, Schutz und Sozialisation vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen gelingen kann und auf welchen konzeptionellen Überlegungen die Angebote, Strukturen, Verfahren etc. beruhen. Zu aktuellen Konzeptdebatten in der Heimerziehung findet man aber wenig. Häufig werden methodische Ansätze, Angebotssettings auf den Webseiten der Träger aneinandergereiht.

Das vorliegende Heft versucht, Positionen und ,Streitkulturen‘ für eine solche Konzeptdebatte zu sammeln. Einführend skizziert Josef Koch zentrale Forderungen im Rahmen der Initiative Zukunftsforum Heimerziehung (2019-2021), auf das sich viele der nachfolgenden Autor*innen direkt oder indirekt beziehen. Anschließend problematisieren Mitglieder des Bundesnetzwerkes der Interessenvertretungen in der Kinder- und Jugendhilfe (BUNDI) Vorurteile und deren stigmatisierende Auswirkungen, mit denen sich Kinder und Jugendliche konfrontiert sehen, die in Wohngruppen leben. Sie fordern mehr Aufklärung und Informationen, die sich an unterschiedliche Öffentlichkeiten richten. Im unmittelbar anschließenden Beitrag erörtern Inga Abels, Adolis Asmerom, Franziska Dirscherl, Ina Foschepoth, Sandra Franz und Tanja Redlich Anforderungen, Aufgaben sowie systembedingte Hürden, die sich an pädagogische Fachkräfte stellen, wenn diese Beteiligungsstrukturen und Interessensvertretung stützen wollen. Tipps und Tricks zur praktischen Umsetzung von mehr Beteiligung formulieren Mitglieder des Careleaver e.V., Aktive von „Jugendliche ohne Grenzen“ sowie Vertreter*innen des „Jugendforum Saalfeld-Rudolstadt“. Gegenwartsbeschreibungen und Zukunftsentwürfe müssen sich, so Sabine Andresen und Wolfgang Schröer, daran messen lassen, inwiefern sie die grundlegenden Rechte von Adressat*innen verwirklichen und dabei ihre Lebenslagen und „Heimerziehungswirklichkeiten“ berücksichtigen. Die Autor*innen fordern außerdem eine Auseinandersetzung mit den sozialen und pädagogischen Versprechen, die jungen Menschen (auch durch das Kinderund Jugendhilferecht) immer wieder neu gemacht werden und wurden. Der Beitrag von Friedhelm Peters und Diana Düring projiziert diese Forderungen kritisch auf die Wissensproduktion im Rahmen des Zukunftsforums Heimerziehung zurück und befragt dessen zentrale Diskursstränge wie den rechtebasierten Ansatz und die Forderung der Entstigmatisierung von Heimerziehung hinsichtlich ihrer Konsistenz und „Zukunftsfähigkeit“. Die inklusive Weiterentwicklung außerfamiliärer Wohnformen steht im Zentrum des Beitrages von Mike Seckinger. Grundsätzlich geht es dabei um die Frage, wie es gelingen kann, außerfamiliäre Wohnformen für Kinder und Jugendliche zu inklusiven Orten werden zu lassen. Dabei arbeitet der Autor in Anlehnung an entsprechende Anforderungen, wie sie durch die UN-BRK formuliert wurden, fünf zentrale Spannungsfelder heraus. In der Rubrik „Internationales“ ergänzt Kiaras Gharabaghi den Themenschwerpunkt, indem er die internationalen Entwicklungen in den Heimunterbringen, d. h. die Formen des gemeinschaftlichen Aufwachsens von Gruppen junger Menschen abseits der Familie, in den Blick nimmt und ins Verhältnis zu familienorientierter Betreuung setzt.

Diana Düring, Josef Koch

Aus dem Inhalt:

Josef Koch: Zukunftsforum Heimerziehung – Kurzvorstellung einer Initiative

Bundesnetzwerk der Interessenvertretungen in der Kinder- und Jugendhilfe (BUNDI): „Behandelt uns wie normale Kinder und Jugendliche!“ Eine Problematisierung des Begriffs „Heimerziehung“ aus Sicht von jungen Menschen

Inga Abels, Adolis Asmerom, Franziska Dirscherl, Ina Foschepoth, Sandra Franz, Tanja Redlich: In Zukunft mehr Selbstorganisation und Beteiligung! Impulse und Herausforderungen für Stärkung einrichtungsübergreifender Interessenvertretungen

Careleaver e.V., Jugendliche ohne Grenzen, Jugendforum Saalfeld-Rudolstadt.: How to do „Selbstorganisation“

Sabine Andresen, Wolfgang Schröer: Die Zukunft der Heimerziehung liegt in der Verwirklichung der Rechte der jungen Menschen in der Gegenwart

Friedhelm Peters, Diana Düring: „Geschichte wird gemacht – es geht voran“ − ein wenig, vielleicht oder doch nicht? Zu den Ergebnissen des Zukunftsforums Heimerziehung

Mike Seckinger: Inklusive Weiterentwicklung außerfamiliärer Wohnformen für junge Menschen mit Behinderungen

Kiaras Gharabaghi: Jenseits der Dualität von Familienpflege und Gruppenbetreuung: Heimerziehung in internationaler Hinsicht; Teil I

Stefan Godehardt-Bestmann: Signs of Safety – eine dialogisch-partizipative und lebensweltorientierte Kinderschutzpraxis

Juliane Meinhold: Geflüchtete Menschen aus der Ukraine – ohne Asylverfahren zur Anerkennung, Zugang zu sozialrechtlichen Leistungen, Bildung und Arbeitsmarkt

Preis
€10.00
Seiten
64
Erscheinungsjahr
2022
Ausgabe
3
Sammelband
Nein
Ausgabe Jahr
2022